Licht ist mehr als Licht.

Ein erhelltes Umfeld empfinden wir meist als angenehm. Licht kann aber auch als störend erlebt werden, zum Beispiel, wenn Blendeffekte die Verkehrssicherheit beeinträchtigen. So muss Beleuchtung heute unterschiedlichen – oft auch gegensätzlichen – Anforderungen gerecht werden. Wie eine interdisziplinäre Lichtplanung zu den richtigen Lösungen führt, erklären unsere Expertinnen und Experten.

Das Thema Licht gewinnt an Bedeutung. Aus welchen Gründen?

Tillmann Schulze: In der Schweiz leben ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung in städtischem Gebiet. Dort verdrängt heute, im Zeitalter der 24-Stunden-Gesellschaft, das künstliche Licht zunehmend die Dunkelheit der nächtlichen Stunden. Immer mehr Personen empfinden zu viel Beleuchtung in der Nacht als störend und schädlich.

Nicolas Jauslin: Ja, zwar fühlt man sich bei guter Beleuchtung sicherer und wohler, andererseits können sich Lichtemissionen auch negativ auswirken; zum Beispiel, indem sie Schlafstörungen verursachen oder durch Blendeffekte die Verkehrssicherheit beeinträchtigen. Klagen gegen zu viel Beleuchtung sind heute zwar noch selten, aber dies wird sich vermutlich ändern.

«Passiert rechtlich beim Licht das Gleiche wie beim Lärm, werden enorme Hebel in Gang gesetzt.» Laurence Duc
«Passiert rechtlich beim Licht das Gleiche wie beim Lärm, werden enorme Hebel in Gang gesetzt.» Laurence Duc

Laurence Duc: Wenn beim Licht rechtlich das Gleiche passiert wie vor zehn Jahren beim Lärm, werden enorme Hebel in Gang gesetzt. Diesbezüglich wird die aktualisierte Vollzugshilfe zur Vermeidung von Lichtemissionen des Bundesamts für Umwelt (BAFU), zu der wir den Grundlagenbericht verfasst haben, einen grossen Einfluss haben. Die neue Vollzugshilfe legt die Basis für künftige Richtwerte und Vorschriften. Wenn sie veröffentlicht ist, wird die Relevanz des Themas deutlich steigen.

Markus Deublein: Die Vollzugshilfe ist aktuell die einzig existierende behördliche Orientierung für Gemeinden und Planer. Diese haben damit ein Instrument zur Hand, mit dem sie ihre Lichtplanung auf der Grundlage des aktuellen Stands der Technik durchführen können. Zudem sind sie damit gewappnet gegen mögliche Beschwerden. Zentral ist, dass in der neuen Vollzugshilfe nicht nur die technische Seite, sondern auch verschiedene weitere Themen beleuchtet werden: von Ökologie über Sicherheit bis zum öffentlichen Raum.

Walter Moggio: Gerade diese Bandbreite an Fachdisziplinen macht das Thema hochaktuell und anspruchsvoll: Beleuchtung tangiert bei weitem nicht nur ästhetische oder technische Belange, sondern auch viele weitere Bereiche. Auch emotionale Aspekte spielen eine Rolle, warum man sich in einem bestimmten Kontext wohl fühlt oder eben nicht.

«Mit einem integralen Konzept geben wir der Nacht die Dunkelheit gezielt zurück – aber ohne andere Bereiche zu vernachlässigen.» Walter Moggio
«Mit einem integralen Konzept geben wir der Nacht die Dunkelheit gezielt zurück – aber ohne andere Bereiche zu vernachlässigen.» Walter Moggio

Weshalb führt eine interdisziplinäre Lichtplanung zum Ziel?

Walter Moggio: Ein integrales, modernes Lichtkonzept stellt sicher, dass wir der Nacht die Dunkelheit gezielt zurückgeben – aber ohne andere Bereiche zu vernachlässigen. Würden wir zum Beispiel komplett auf künstliche Beleuchtung verzichten, wären die Stromkosten zwar tiefer. Die Bevölkerung würde sich aber unsicher fühlen und Stadtplaner wären entsetzt, weil die Attraktivität der Stadt beeinträchtigt würde.

Tillmann Schulze: Wenn wir dagegen die Beleuchtung massiv verstärken, um die Sicherheit zu erhöhen, hätten mehr Menschen Schlafprobleme, könnten Verkehrsteilnehmer abgelenkt werden und manche Tierarten würden zum Teil beträchtlich gestört. Eine interdisziplinäre Lichtplanung sorgt unter dem Strich dafür, dass sich alle Betroffenen möglichst wohl fühlen. Solche Aspekte beschäftigen uns auch beim Gestaltungsplan für das neue Hardturm-Stadion in Zürich, wo wir für die Sicherheitsplanungen des Umfelds verantwortlich sind.

«Unser systematisches Gesamtkonzept zeigt auf, welche Akteure man miteinbeziehen sollte, um den unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden.» Tillmann Schulze
«Unser systematisches Gesamtkonzept zeigt auf, welche Akteure man miteinbeziehen sollte, um den unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden.» Tillmann Schulze

Markus Deublein: Beim neuen Hardturm-Stadion ist im Bereich Verkehrssicherheit nicht nur die Sicherheit der Autofahrer relevant, sondern auch die der vielen Fussgänger und Radfahrer. Diese sind besonders gefährdet, da sie schlechter gesehen werden. Durch den richtigen Lichteinsatz und Wegbegleitungen können wir den Fuss- und Radverkehr besser schützen. Gleichzeitig dürfen sich Massnahmen für diese Zielgruppen aber nicht negativ auf andere auswirken.

Laurence Duc: Diese Beispiele zeigen: Wenn wir in einem Bereich etwas ändern, entsteht schnell ein Ungleichgewicht. Auf solche Mechanismen und auf Zielkonflikte können wir frühzeitig hinweisen: Wir sind Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen, haben gleichzeitig aber einen generalistischen Blick fürs Ganze.

Wie profitieren unsere Kundinnen und Kunden davon?

Nicolas Jauslin: Unsere Dienstleistungen decken eine breite Palette ab. Wir beurteilen Lichtplanungen aus einer Vogelperspektive und zeigen Zusammenhänge zwischen verschiedenen Bereichen auf. Bei Bedarf liefern wir detaillierte Antworten auf fachliche Fragen, sei es betreffend Lichtarchitektur und Sicherheit öffentlicher Räume, Umweltplanung und Ökologie, Stadt- und Arealgestaltung, Verkehrssicherheit oder Ökonomie.

«Wer bei der Lichtplanung über den eigenen Tellerrand blickt, erhöht die Akzeptanz der Lösung und spart Geld.» Nicolas Jauslin
«Wer bei der Lichtplanung über den eigenen Tellerrand blickt, erhöht die Akzeptanz der Lösung und spart Geld.» Nicolas Jauslin

Walter Moggio: Unser Ziel ist nicht mehr oder weniger Licht, sondern das richtige Licht am richtigen Ort. Und dies variiert je nach Kontext. Eine integrale Lichtplanung erkennt gerade im Städtebau neue Fragen, liefert interdisziplinäre Antworten und wird zu einer wichtigen stadtplanerischen Disziplin.

Laurence Duc: Lichtplanung ist auch ein Prozess, bei dem verschiedene «Stakeholder» zusammengebracht werden müssen. Beziehen unsere Kundinnen und Kunden wichtige Akteure nicht mit ein, machen wir sie darauf aufmerksam. Wird dies gewünscht, vermitteln wir auch zwischen unterschiedlichen Interessen.

Markus Deublein: Der mangelnde Miteinbezug wichtiger «Stakeholder» zeigt sich immer wieder. Beleuchtungskonzepte von Gemeinden beschränken sich oft auf Aspekte wie Stromverbrauch, Technik und Wirtschaftlichkeit. Kurz: welche Leuchten wo zu welchem Preis ersetzt werden sollen. Mit dem «Wieso» setzen sie sich meist nicht differenziert auseinander.

Tillmann Schulze: Genau dieser Frage gehen wir nach. Dafür analysieren wir nicht nur die Statistik, sondern führen Interviews mit ausgewählten Akteuren: zum Beispiel der Polizei oder den Anwohnern. In unserem systematischen Gesamtkonzept steht dann nicht als Empfehlung, welcher Leuchtentyp wo montiert werden soll. Vielmehr zeigt es auf, welche Akteure die Gemeinde miteinbeziehen sollte, um die unterschiedlichen Anforderungen berücksichtigen zu können.

Nicolas Jauslin: Wer bei der Lichtplanung über den eigenen Tellerrand blickt, erhöht die Akzeptanz. Ob es nun um bestimmte Verkehrsteilnehmer oder spezielle Tierarten geht: Kann man aufzeigen, dass alle wichtigen Aspekte berücksichtigt wurden, wächst das Verständnis für die gewählte Lösung. Darüber hinaus lässt sich mit einer interdisziplinären Lichtplanung auch Geld sparen. Schliesslich ist im Nachhinein «flicken» teurer und aufwändiger als eine systematische Analyse zu Beginn.

Das Projektteam:

Markus Deublein ist die Ansprechperson für Strassenverkehrssicherheit. Er unterstützt diverse Entscheidungsträger mit statistischen Analysen von Unfallgeschehen und mit Beratungen für ein effizientes Sicherheitsmanagement. Als Mitglied der Normen- und Forschungskommission des VSS sowie als Dozent an der ETH Zürich ist er aktiv an einer kontinuierlichen Verbesserung der Verkehrssicherheit beteiligt.

Fundierte Kenntnisse über alle Umweltbereiche und deren Gesetzgebungen besitzt Laurence Duc. Sie hat bereits zahlreiche Umweltverträglichkeitsberichte begleitet. Zudem verfügt sie über vielfältige Erfahrung in der Organisation und Durchführung von Experten-Workshops. Die Biologin hat das BAFU bei der Aktualisierung der Vollzugshilfe zur Vermeidung unnötiger Lichtemissionen unterstützt.

Nicolas Jauslin ist Geograf und beschäftigt sich intensiv mit Fragen zur inhaltlichen und städtebaulichen Konzeption von Arealen. In seiner Arbeit sind der Interessensausgleich und die gemeinsame Zielfindung zwischen Akteuren wichtig. Das Thema Licht und Beleuchtung wird aus seiner Sicht mit der Vollzugshilfe des BAFU auch in der Arealentwicklung an Bedeutung gewinnen.  

Über mehr als 20 Jahre Erfahrung mit Tages- und Kunstlicht verfügt Walter Moggio. Der unabhängige Lichtarchitekt berät, konzipiert und begleitet europaweit Städte zum Thema Innen- und Aussenlicht und ist seit 1996 in der Lehre tätig. Am Herzen liegen dem Gewinner des Schweizer Lichtpreises «Prix Lumière» ganzheitliche Konzeptionen, die langfristig überzeugen. Der Architekt mit elektrotechnischer Grundausbildung schlägt den Bogen zwischen Technik und Ästhetik.

Der Politikwissenschafter Tillmann Schulze ist unter anderem für das Thema Urbane Sicherheit verantwortlich und berät städtische Verwaltungen, aber auch Organisationen wie die SBB oder private Bauherren. Die richtige Beleuchtung ist für ihn eines der wichtigsten Mittel, um das Sicherheitsempfinden der Menschen in öffentlichen Räumen zu verbessern.